Lore Bert

7. Mai – 24. November 2019

»Erleuchtung - Wege zu Heureka«

Vernissage Dienstag 7. Mai 2019 um 16 Uhr

Lore Bert

Anlässlich der 58. Biennale di Venezia freuen wir uns, Sie und Ihre Freunde sehr herzlich einzuladen zur Ausstellunseröffnung in der Kirche San Samuele (neben Palazzo Grasssi)

Grußwort: Monsignore Don Gianmatteo Caputo, Patriarcato di Venezia Einführung: Dr. Dorothea van der Koelen

Lore Bert - Sonne erleuchtet

Die Installation

Lore Bert - Illumination

Beim Betreten der Kirche San Samuele (in unmittelbarer Nähe des Palazzo Grassi) wird der Betrachter verblüfft zwei wie eine Erscheinung wirkende architektonische Elemente wahrnehmen: Im rechten Seitenschiff steigen zwei durchsichtig schimmernde Glassäulen aus einem weißen, dem Meer gleichenden, doch geometrisch gestalteten Feld (10 x 4 m) aus Abertausenden gefalteten Papieren 4,32 Meter in die Höhe. Ihre changierenden Farben wirken faszinierend. Sie erinnern an einen Regenbogen und an den Augenblick, in dem dieses flüchtige, nicht greifbare Phänomen auftaucht. Das weiche Papierfeld intensiviert den Eindruck von Leichtigkeit, scheint gleichwohl die transparenten Säulen zu beschützen und dabei ihre besondere Ausstrahlung hervorzuheben. Mit seiner Reinheit und Zerbrechlichkeit evoziert das Papier Behutsamkeit und erweckt im Betrachter das Gefühl, der fragilen Schönheit des Werkes noch mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit widmen zu wollen. Das weiße Meer wirkt wie ein magnetisches Feld, welches das Licht im Raum einfängt, ihm Körper verleiht und es durch seine abertausende Faltungen zu Schatten umformt. Unsere Aufmerksamkeit wird auf das besondere Licht-Phänomen fokussiert, das durch das dichroitische Glas zustande kommt.

Eine Einladung, das Environment aus verschiedenen Perspektiven und bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen genauer zu beobachten und dabei zu entdecken, wie Farben und Licht sich durch das dichroitische Glas stets verwandeln. Sowohl auf der Struktur der Säulen wie auch auf dem weißen Papierfeld und schließlich reflektierend in den Raum hinein. Dort, wo sich das Licht weiß spiegelt, schimmert plötzlich eine bläuliche Nuance und dann, aus einer anderen Perspektive betrachtet, tatsächlich eine eher rötliche Farbe. So entsteht vor den Augen des Betrachters ein unerwartetes Spiel zwischen Realität und Erscheinung, zwischen dem, was wir wahrzunehmen glauben und dem, was vielleicht real ist. Unwillkürlich taucht als Erinnerung das Bild Venedigs auf. Die Stadt des Glases und der changierenden Wasserspiegelungen, wie sie der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt: „… die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer / von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut, / sich bildet ohne irgendwann zu sein …“. Doch mit dem Licht, seiner Vergänglichkeit, seinem wechselnden Einfallswinkel im Laufe des Tages und seiner farbigen Verwandlung scheint auch eine weitere Dimension in das Werk hineinzufließen: Die Zeit.

Lore Bert - Illumination

Diese flüchtigen Erscheinungen verkünden keine absolute Botschaft. Sie spiegeln sich vielmehr im Betrachter selbst und lösen Reflexionen aus: Gedanken und Überlegungen, die aufgrund der eigenen Wahrnehmung und Erfahrung, aufgrund der eigenen einzigartigen Perspektive entstehen und nur persönlich sein können. Das Werk erschließt sich den Betrachtern somit auf unterschiedliche Weise. Es verweist auf die Subjektivität des eigenen Blicks, auf die Subjektivität dessen, was der Einzelne wahrnimmt und denkt. Es suggeriert ein vielfältig sich veränderndes, mögliches Bild der Realität über den eigenen Standpunkt hinaus und bietet verschiedene denkbare Wege zu dieser Erkenntnis. So deutet der Titel »Erleuchtung« nicht nur auf das konkrete Spiel zwischen dem Licht und seinen Spiegelungen in der Installation selbst und im übertragenen Sinn auf den Propheten San Samuele (den Erleuchteten) hin, sondern erweitert sich auch in einem philosophischen Sinn: Der Titel und damit das Werk enthüllen einen Augenblick im Denkprozess zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis, der unser Bild von der Welt formt und beeinflusst.

Lore Bert - Illumination

Das dichroitische Glas, das Lore Bert für ihre Installation benutzt, kommt aus der Umgebung von Mainz Rheinland-Pfalz). Auf diese Weise verbindet die Künstlerin die Tradition der Glasproduktion in Venedig, ihrer zweiten Heimat, in der noch kein dichroitisches Glas hergestellt wird, mit ihren Mainzer Wurzeln. Das Wort ›dichroitisch‹ stammt aus dem Griechischen ›dichroos‹ und bedeutet zweifarbig. Es bezeichnet Gläser, die je nach Sonneneinstrahlung, Betrachtungswinkel und Hintergrund ihre Farbe verändern. Bei der Herstellung werden mehrere dünne Schichten auf das Glas aufgebracht. Dies kann z.B. im Sol-Gel-Verfahren erfolgen, bei dem die Gläser in Flüssigkeiten mit metallorganischen Verbindungen und Metalloxiden getaucht werden. In einem thermischen Prozess werden die dabei verwendeten metallalkoholischen Beschichtungslösungen bei 480°C in fest haftende Metalloxidschichten umgewandelt. Mehrere optische Interferenzschichten filtern das Licht in bestimmte Wellenlängen und Farben, so dass ein Regenbogeneffekt entsteht. Je nach Veränderung des Blickwinkels wechselt das Glas seine Farbe.

Bildobjekte

Jedes Kunstwerk ist selbständig, steht aber gleichzeitig im Kontext der geistigen Welt, aus der es entstanden ist. Dieser Welt näher zu kommen, ist ein Angebot der Kunst. So bieten Lore Berts großformatige Bildobjekte (je 180 x 180 cm) im linken Seitenschiff dem Besucher die Möglichkeit, einen vertieften Eindruck von ihrem künstlerischen Universum zu gewinnen. Das Material, mit dem Lore Bert seit über vier Jahrzehnten arbeitet und mit dem sie sich weltweit einen Namen gemacht hat, ist das Papier: Handgeschöpftes, kostbares Papier aus fernöstlichen Ländern, in die sie gereist ist. Papiere aus China, Japanpapier, Nepalpapier, Reispapier, aber auch Papyrus aus Kairo. Ein besonderes Material, welches die haptische Dimension ihres Werkes, seine Räumlichkeit und den Dialog mit dem Licht auf eine ungewöhnliche Weise vibrieren lässt. Mit dem Papier ist auch die Farbe Weiß in ihren unendlichen Nuancen eine Konstante im Werk Lore Berts, wie der unvergessene Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Jan Hoet in seiner Laudatio zum 75. Geburtstag der Künstlerin (2011) schrieb: »Bei Lore Bert war es die Anwendung von weißer Farbe, das Instrument par excellence, das auch durch die unbunte Farbe das Leere darstellen kann und das immaterielle Licht in ihrem Oeuvre zustande bringt, – so, wie Malevitch sagte, dass er das Weiß sieht als die Manifestation des befreiten Nichts, oder wie die Zero-Bewegung das Weiß gesehen hat, als Symbol für eine humane Welt, in der sich der Mensch frei artikulieren kann.« (Jan Hoet).

Lore Bert - Kant - Transzendenale Aesthetik - Triptychon

Aus Papier ist auch das beeindruckende Triptychon zu Immanuel Kant mit einem zweisprachigen Zitat aus seiner ›Kritik der reinen Vernunft‹: »Kant – Transzendentale Ästhetik« - eine Arbeit aus dem Jahr 1998, die Lore Bert zum ersten Mal in ihrer Einzelausstellung »Idea – Phenomenon – Perception« in Seoul (Südkorea) präsentierte. Das Triptychon bezeugt noch deutlicher die philosophische Dimension im Werk der Künstlerin, die sich seit den 80er Jahren mit den Schriften großer Denker, Dichter und Wissenschaftler auseinandersetzt. „Die Weisen der Welterzeugung wie der amerikanische Logiker Nelson Goodman, dem Lore Bert eine Reihe von Werken und Installationen gewidmet hat, diesen Vorgang beschreibt, stellen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen, einen Aspekt gewissermaßen, dar, und so hat denn auch ein Jeder, wie es Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft und in seinem Kapitel über transzendentale Ästhetik so treffend beschreibt, nur seine eigene subjektive Art die Welt wahrzunehmen, die ihm eigentümlich ist. Auch Immanuel Kant hat Lore Bert zahlreiche Textbilder gewidmet, Transparente mit Zitaten aus seinen Schriften, und verweist damit auf eine elementare Besonderheit im Wesen des ›Animal Rationale‹ (des Vernunftbegabten Lebewesens): (Abstraktes) Denken und (Konkretes) Fühlen gehen beim Menschen eine Symbiose ein.“ (Dorothea van der Koelen)

Lore Bert - Sonne erleuchtet

Neben dem Material Papier spielt das Licht eine zentrale Rolle im Werk von Lore Bert. Dem Licht par excellence ist das Werk »Sonne« (2018) gewidmet. Ein dreidimensionales, geometrisch gestaltetes Bild aus tausenden gefärbten und gekruschelten Papieren, in dessen Zentrum ein Feld aus purem Blattgold fast schwebend glänzt. Wie ein intensivierendes Echo scheint dieses Werk einen Eindruck widerzuspiegeln, den die Installation »Erleuchtung« ausgelöst hat. Während das Kant-Triptychon die philosophische Ebene der Installation erweitert, wirkt dieses andere großformatige Bild wie ein Zeichen, das auf die geistig-religiöse Dimension des Begriffs »Erleuchtung« verweist. Die Farben Weiß, Türkis und Gold erinnern uns gleichzeitig an den Orient, an Länder, die die Geschichte Venedigs enorm beeinflusst haben, Länder, in denen auch Lore Bert gearbeitet und ausgestellt hat.

Lore Bert - Bunte Vierpässe in Schwarz

Eine Hommage an Venedig stellen schließlich die letzten zwei großformatigen Bild-Objekte dar: »Bunte Vierpässe in Schwarz« (2016) und »Kreis im Quadrat« (2018). Ihre farbigen wie goldenen Strukturen beziehen sich auf charakteristische architektonische Elemente der Serenissima. Schon in ihrer Ausstellung »Architettura veneziana« (2003) in La Galleria zeigte Lore Bert zur Wiedereröffnung des ›Gran Teatro La Fenice‹ eine Werkserie, die sie der Stadt Venedig widmete.

Die Begeisterung für die Architektur dieser Stadt hatte aber schon 1955 angefangen, als Lore Bert ihre erste vierwöchige Studienreise in Italien unternahm.

Aus dieser Faszination für Architektur und Raum sind auch ihre »Basis-Arbeiten« entstanden: Konstruktive Zeichnungen und Collagen, basierend auf Grundrissen von Moscheen und Kirchen, deren Pläne von der Künstlerin jedoch nur als Grundlage genommen und dann bewusst formal verändert werden. Mit dem Bild »Bunte Vierpässe in Schwarz« verweist Lore Bert auf das Wahrzeichen Venedigs, das sich in den rotischen Fensterformen des Dogenpalastes oder der Ca’ d’Oro wiederfinden lässt.

Lore Bert - Kreis im Quadrat

Das Werk »Kreis im Quadrat« bezeugt ihr Interesse für die geometrischen Formen und die verblüffenden Strukturen venezianischer Marmorböden in Kirchen und Palästen.

Biographie

Lore Bert vertritt eine einzigartige Position in der internationalen Kunstszene. 1936 in Gießen geboren, ist sie in Darmstadt aufgewachsen. Zwischen 1953 und 1957 studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei dem Bildhauer Hans Uhlmann, der ihr Interesse am Räumlichen erweckte und damit ihre Weiterentwicklung entscheidend prägen sollte. In den Ausstellungen, die sie weltweit in mehr als 28 Ländern bestückt, zeigt sie Werke, die in einen vielfältigen Dialog mit dem Material Papier treten. Ihr künstlerisches Universum entfaltet sich im Geist der Kant’schen ›Transzendentalen Ästhetik‹ durch die sinnliche Wahrnehmung.

Neben Bildobjekten und Collagen aus Papier realisierte sie mehr als 120 Environments in Museen und öffentlichen Institutionen in Europa, Asien, Afrika, Arabien, den USA und Kanada. Konstruktive Formen, Geometrie, Architekturelemente, Buchstaben und Zahlen bilden ihr Formenvokabular, poetische und philosophische Schriften, Wissenschaft und Geschichte, logische Zusammenhänge, Eigenschaften und Relationen den geistigen Gehalt ihrer Arbeit.

Über 260 Ausstellungen und 40 Monographien dokumentieren ihr Schaffen. Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit.

Lore Bert war bereits Ehrenkünstlerin der Biennale von Sharjah (VAE) 1999 und der Biennale von Izmir (Türkei) 2011. 2013 präsentierte sie in der Biblioteca Marciana (Piazza San Marco, Venezia) ihre Ausstellung »Art & Knowledge«, offizielle Begleitveranstaltung der 55. Biennale von Venedig. 2017 erhielt sie die Medaille der Stadt Lublin für ihre herausragenden Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt Lublin (Polen).

Sie lebt und arbeitet in Mainz und Venedig.

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Veranstaltungsort

Die Kirche San Samuele, Venedig, San Marco
Kirche San Samuele Venedig

Die Kirche, die in der Diözese des Patriarchats Venedig im Stadtviertel San Marco, in unmittelbarer Nachbarschaft des Palazzo Grassi (der Pinault Foundation) liegt und eine eigene Vaporetto-Haltestelle hat, wurde um das Jahr 1000 gegründet.

Sie ist dem alttestamentarischen Propheten Samuel gewidmet, der auch als der ›Erleuchtete‹ gilt. Dreimal hatte er eine göttliche Vision als er des Nachts durch einen plötzlichen Lichtstrahl erwachte.

Kirche San Samuele Venedig

Das Konzept der ‘Erleuchtung’ als göttliche Inspiration verbindet die Kirche San Samuele mit dem künstlerischen Konzept von Lore Bert ‘Erleuchtung – Wege zur Erkenntnis, Heureka’.

Kirche San Samuele Venedig

Die Fähigkeit des Heiligen Samuels die Visionen der Erleuchtung zu erhalten wurde nicht nur von der christlichen Kirche gewertschätzt. Als Prophet des ›Alten Testamentes‹ ist der Heilige Samuel auch verknüpft mit der Byzantinischen Tradition und der Kultur des Vorderen Orients. Da Venedig über Jahrhunderte hinweg als ‘Tor des Orients’ galt, wurde sie zum Symbol für den Dialog der Kulturen in einer friedlichen und symbiotischen Übereinkunft.

Presseberichte

Lore Bert - Illumination

Presseinformation

Lore Bert - Kreis im Quadrat
Lore Bert - Bunte Vierpässe in Schwarz

La GalleriaAusstellung